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"Land ohne Verfassung" - Urs Böke
Urs Böke - "Land ohne Verfassung"

Der LaborBefund empfiehlt:

 

Urs Böke: Land ohne Verfassung


Der Autor Urs Böke (*1975) lebt in Essen und gilt vielen als Autor des „social beat“, als Verfasser „gesellschaftskritischer Texte“ und „Rimbaud aus dem Ruhrpott“.

Dergleichen „Klassifizierungen“ liebt der deutsche Leser, denn nichts beruhigt ihn mehr als die passende Schublade für das Außergewöhnliche, das Originelle und Individuelle. Man spießt den Schmetterling doch gar zu gern auf eine Nadel und präsentiert ihn anschließend im Schaukasten, bzw. Bücherregal.

 

Die Texte von Urs Böke entziehen sich jedoch allen Schablonen, passen in keine Schublade und keinen Schaukasten – wie der neue Lyrikband dieses Autors in der edition footura black beweist.

 

Dem Verleger dieses Werkes möchte ich an dieser Stelle respektvoll die Hand schütteln, denn er präsentiert die Texte geschmackvoll und mit solidem Handwerk in einem anspruchsvollen Handpressendruck. Die Exemplare sind nummeriert, das Papier und der Druck von ausgezeichneter Qualität. Die Ausgabe ist jeden Cent ihres (akzeptablen) Preises wert und kann wohl schon jetzt zu Recht als bibliophil bezeichnet werden.

Aber was nutzt die schönste Präsentation fauler Äpfel, wie sie uns so oft im Buchhandel geboten werden? Und genau hier kommen wir zum Essentiellen, nämlich den Texten Urs Bökes:

 

Auf 28 Seiten las ich Poesie aus der Wirklichkeit; damit meine ich keine „kritischen“ oder „anklagenden“ Texte aus der Realität, kein Geschwurbel über Befindlichkeiten des Gutmenschen oder Gejammer über soziale Ungerechtigkeiten, ach ja.

 

Natürlich spart Urs Böke weder das Thema „Hartz IV“ noch andere Realitäten aus; man müsste schon blind und taub sein – wie leider zu viele Autoren und Leser -, wollte man in der Poesie die Augen vor der Wirklichkeit verschließen. Urs Böke gelingt es, Situationen und Zustände der Realität präzise und zugleich poetisch zu benennen; seine Sprache offenbart die Wirklichkeit, weil sie aus dieser bezogen wird und sie zugleich manifestiert.

 

In diesem besten, weil poetischen Sinne wirkt die Sprache des Autors teilweise brutal – weil sie von Brutalität spricht, bzw. diese thematisiert. So z. B. in dem Text „Alle reden vom Wetter“, der als harmloser „Reisebericht“ beginnt: „Und wenn es / darauf ankommt / fährt die Bahn / pünktlich“; dann folgen einige Zeilen über den „Service“ der Bahn, z. B. nachgeschickte Gepäckstücke. Auch technische Mängel, wie z. B. Radbrüche, die an katastrophale Unfälle wie Eschede erinnern, werden erwähnt; und der Leser nickt beruhigt, ja ja, wie gut dass die Bahn gleich reagierte und ihrer Sorgfaltspflicht nachkam. Da kann man beruhigt auf Reisen gehen, sogar mit zwei Kindern an der Hand.

Doch plötzlich findet sich das lyrische Ich in einem Viehwaggon wieder, der aufgrund technokratischer Perfektion wie in der Vergangenheit, so auch heute rollt. Mit unbekanntem Ziel. Dem Leser fallen nicht nur zwei Zeitebenen, sondern ganze Welten (in doppeltem Sinne) zusammen:

 

„Kein Herbstlaub

auf den Schienen

kein Robert Enke

kein Radbruch

 

Diese Gründlichkeit

ist Jahre her

 

Doch noch immer

bin ich Jüdin.“

 

Die klaren und wenigen Worte, präzise und treffend in ihren Konnotationen, konstituieren eine Poesie aus der Wirklichkeit, die den Leser zutiefst trifft. Und dies ausgerechnet beim „Betroffenheitsthema #1“ der Deutschen: Holocaust.

 

Aber auch andere Themen der Gegenwart werden nicht ignoriert, im Gegenteil: der tägliche Verpflegungssatz von Hartz IV-Empfängern wird gegen die Ernährungskosten von Polizeihunden aufgerechnet – man ratet nicht lange, wie dieser Vergleich ausfällt. Doch schon dieser Vergleich von Menschen (und deren Nahrung) mit Hunden und (deren Futter) offenbart eine „Höhere Mathematik“ (so der Titel des Gedichts), die sich dem normalen Menschenverstand nicht mehr erschließt – aber den Technokraten als Basis für angebliche „soziale Reformen“ dient.

 

Böke schreibt über den All-Tag, den all-gegenwärtigen Irrsinn und Wahnsinn; über eine Welt, die aus den Fugen geraten ist und den Einzelnen sich als immer hilfloser und ohnmächtiger empfinden lässt – und dies in vielerlei Hinsicht, ob nun in Bezug auf Arbeit, Zwischenmenschlichkeit, Liebe, Terroranschläge, Medien… Es gibt kein Sujet, das sich dem Autor entzieht; er ist jeder Sprache mächtig, um diese Wirklichkeiten poetisch zu manifestieren.

 

Schon während der Lektüre dachte ich öfter an die folgende Stelle im Brief Hölderlins an Casimir Ulrich Boehlendorff (Nürtingen, den 2. Dezember 1802):

 

„(…) ich denke, daß wir die Dichter bis auf unsere Zeit nicht kommentieren werden, sondern daß die Sangart überhaupt wird einen anderen Charakter nehmen, und daß wir darum nicht aufkommen, weil wir, seit den Griechen, wieder anfangen, vaterländisch und natürlich, eigentlich originell zu singen.“

 

Und ja : ich behaupte, dass Urs Böke in diesem besten Sinne „vaterländisch und natürlich, eigentlich originell“ singt, wie leider nur wenige andere Autoren der Gegenwartsliteratur. Und ich höre schon den Aufschrei der „Politisch Korrekten“, sehe achselzuckend das Gebaren der „national Gesonnenen“ bei diesem Wort: „vaterländisch“.

Sicher : mit genügend Ignoranz und Unkenntnis kann man auch aus Hölderlin einen Nationalisten machen. Ich kann hierzu nur eines sagen : mir schlug bei der Lektüre von Bökes Gedichten das Herz, und das sitzt bekanntlich links.

 

Urs Böke ist kein „Rimbaud aus dem Ruhrgebiet“, kein „Hölderlin“ oder „Socialbeat Poet“; sein Werk hat keinerlei Vergleiche mit „großen Namen“ nötig, denn es ist ein eigenständiges und unverwechselbares Werk mit eigener „Sangart“ und Stimme. Der Mann hat einen Sound wie ein Symphonieorchester.

 

Ich kann dieses Buch nur jedem Leser empfehlen, und auch hierzu fallen mir Worte Hölderlins ein:

 

„Ich verspräche gerne diesem Buche die Liebe der Deutschen. Aber ich fürchte, die einen werden es lesen, wie ein Kompendium, und um das fabula docet* sich zu sehr bekümmern, indes die andern gar zu leicht es nehmen, und beide Teile verstehen es nicht.“

 

* lat.: Die Fabel will belehren und unterhalten (fabula docet et delectat).

 

Urs Bökes Texte sind nicht "einfach so" zu verstehen und schon gar nicht "leicht zu nehmen". Und genau deshalb sollte man sie unbedingt lesen.

 

Urs Böke: Land ohne Verfassung.

Itzehoe: footura black edition, 2013. (Lyrik-heute; 2013, 1)

Bestellungen direkt über die Homepage des Autors.

 

SuperBastard #4
SuperBastard #4

Der LaborBefund empfiehlt:

 

SuperBastard #4


Verlag: Songdog Verlag Wien, 2013 Andreas Niedermann Redaktion/Herausgeber: Benedikt Maria Kramer, Augsburg

Ausgabe April 2013. - 122 Seiten. - Preis: 9,95. - ISBN 978-3-9503557-1-0

Weitere Infos u. Bestellung: www.superbastard.de

 

Mit Gedichten/Prosa von: Urs Böke, Hermann Borgerding, Franz Dobler, Jerk Götterwind, Florian Günther, Ni Gudix, Jaromir Konecny, Elias Loeb, Andreas Niedermann, Kai Pohl, Michael Sailer, Bobby Sands, Bruno Schleinstein, HEL Toussaint, Kurt Tucholsky, Gudrun Völk, Joachim Wendel und Benedikt Maria Kramer.

 

LaborBefund: Als erstes fällt der sorgfältige Druck und die professionelle Gestaltung dieser Anthologie ins Auge - die Typographie ist gut lesbar, Papier und Druck sind von sehr guter Qualität. Der Inhalt bietet eine angenehm vielfältige Auswahl diverser Genre und Sujets, von Prosa über Lyrik bis hin zur lit.-wiss. Rezension.

Die Lektüre gestaltet sich abwechslungsreich; dies ist hauptsächlich dem Herausgeber zu verdanken, der eine sorgfältige Auswahl aktueller Texte traf, diese jedoch nicht dem Diktat seines Geschmacks unterwarf.

 

Fazit: Sehr interessante "Blütenlese" der aktuellen dt. Literatur, unbedingt kaufen und lesen!